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Textproben |
(Einstieg über eine Meditation zum Thema STILLE im Kreis von 7 Frauen, die mit mir auf Schreibreise waren – überarbeitete Fassung, aber noch nicht fertig) 1. Kapitel REBECCARebecca saß auf dem Hügel, ruhig und in Stille. Ihr schwarzes langes Haar, das von Silberfäden durchwebt war, umschmiegte ihren Körper. Kein Luftzug regte sich. Sie sprach nie ein Wort. Vielleicht war sie stumm. Sie hatten nie danach gefragt. Wenn eine der Gefährtinnen Rebecca eine Frage stellte, schaute sie sie mit ihren tiefdunklen Augen lächelnd an, und die Worte schoben sich wie auf einer Perlenschnur von ihr zu der Fragenden - nur sichtbar für die, die die Frage gestellt hatte. Für die jungen Frauen war dies inzwischen völlig normal. Sie kannten es nicht anders, seit sie hier waren. Rebecca saß und schwieg und war für sie da, wann immer sie gebraucht wurde. Und sie brauchten sie oft. Bereits vom ersten Tag ihrer Ankunft in Gantoff waren sie alle naselang auf den Hügel gelaufen, ob im Sommer, wenn die wilden Stiefmütterchen blühten und der Löwenzahn den Hügel in gelbe Farbe tauchte - ob im Winter, wenn sie von Rebeccas Platz die dicken Schneekugeln rollten, um unten am Hügel die Schneefrauen zu bauen. Dann saß Rebecca in Felle gehüllt. Sie versorgten ihr Feuer und brachten ihr zu essen. Wenn sie die dicke Ama nach Rebecca ausfragen wollten, zuckte die Hüterin des Hauses nur mit den Schultern und rollte komisch mit den Augen. Nur einmal erzählte sie ihnen eine Geschichte, die sie im Dorf aufgeschnappt hatte. Damals, als noch niemand von ihnen in GANTOFF war - auch Ama nicht - lebten ein Mann und eine Frau im Haus am Fuße des Hügels. Sie wünschten sich von Herzen Kinder, aber die Frau wurde und wurde nicht schwanger. Eines Nachts kam ein fremder Reiter durch den Sturm und klopfte um Einlass. Die Eheleute gewährten ihm Unterkunft, obwohl sie sich vor dem Mann mit den pechschwarzen Haaren und den tiefdunklen Augen fürchteten. Drei Monate später erkannte die Frau, dass sie schwanger war und lief mit der guten Nachricht überglücklich zu ihrem Mann. Beide freuten sich sehr auf ihr Kind und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Als das Kind geboren wurde, konnte jeder sehen, dass es pechschwarze Haare hatte und tiefdunkle Augen. Niemand konnte sich erklären, warum das Kind seinen Eltern so gar nicht ähnlich sah. Niemand ahnte etwas von dem nächtlichen Besucher. Die gute Frau konnte es sich selbst und ihrem Mann nicht erklären. Sie wurde immer blasser und fiel wie ein Häufchen Elend zusammen. Der Ehemann konnte ihr nicht verzeihen und glaubte nicht, dass seine Frau unwissend war. Bald schon verließ er das Haus als das Kind noch nicht laufen konnte und kehrte nie wieder zurück. Die Frau starb früh und hinterließ die Tochter mit Namen Rebecca. Sie waren Sieben. Sieben und Rebecca, die auf unabänderliche Weise zu ihnen gehörte. Denn sie war ein Teil von ihnen. So wie sie alle ein Teil von einander waren. Jede für sich ein Ganzes und auch ein Teil eines größeren Ganzen, das noch viel schöner und klüger, kräftiger, voller und mächtiger war, als jede einzelne von ihnen. Und weil sie das wussten, ehrten sie sich und jede von ihnen gleich - und auf besondere Weise Rebecca, die das Herz war - zugleich Schwester; denn sie war nicht älter als sie - und Mutter, weil sie mehr wusste als jede von ihnen - und Kind, das sie versorgen und schützen mussten. Eines Morgens - die Graureiher verließen gerade den Hügel und das weiße Reh naschte noch auf der Wiese - war Rebecca verschwunden. Der Platz, an dem sie gesessen hatte, war leer. Die Feuerstelle schickte noch ein zartes Rauchfähnchen in den Himmel, wie ein Zeichen aus einer anderen Zeit - ein erhobener Zeigefinger. Ama, die immer als erste aufstand, war im Dorf unterwegs, um Eier und Salz zu tauschen gegen Mehl und Milch. Das Steinsalz war ihr höchstes Gut und Tauschobjekt. Sie bekam es auf ihren Wanderungen von dem Volk der Griffels, die im Berg hausten und die Kristalle dort gewannen. "Es macht stark und rein!" pflegte Ama zu sagen, wenn die jungen Frauen allmorgendlich beim "Tag salzen" das Gesicht zu einer Grimasse verzogen. Ama hatte vom Verschwinden Rebeccas offenbar nichts bemerkt, als sie das Haus verlassen hatte. Lea war die erste, die es sah. Es war für sie so unvorstellbar, dass sie zunächst dachte, sie sei noch im Halbschlaf, und wollte den Alptraum abschütteln. Sie rannte einfach los und wusste doch gleich, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Etwas, das sie unmöglich in Worte fassen konnte. Also schrie sie vom Hügel herab in Richtung Gantoff. Sie schrie und erkannte ihre eigenen Töne nicht, die sie hervorbrachte. Sie schrie wie ein verwundeter Löwe, eine gequälte Kreatur, der man das Herz herausgerissen hatte. Sie schrie am Rande des Abgrunds. Noch am selben Tag beschlossen Lea, Nabu, Eleven, Pit, Arka, Zoe und Lima auf die Suche zu gehen. Ohne Rebecca wollten sie keinen Tag sein. Der Verlust ihrer Freundin schmerzte sie tief. Die Ungewissheit machte ihrer jungen Leichtigkeit ein jähes Ende. Sie trafen sich an Rebeccas Feuerstelle, entfachten die Glut in der Hoffnung, Rebecca käme den Hügel hinauf, würde sich setzen und ihre Worte an Perlenschnüren verteilen. Lea, die ihrem Schmerz schreiend Luft gemacht hatte, berichtete, wie sie den Verlust bemerkt hatte. Jedes Detail wurde besprochen. Pit schluckte tapfer ihren Schmerz hinunter und machte den anderen Mut: "Sie kommt bestimmt bald wieder. Wir richten hier alles schön her und bereiten alles für ihre Rückkehr vor. Sie muss wiederkommen!" Arka unterstützte sie mit gezwungenem Optimismus: "Ach, du große Mathilla! Sie gibt uns vielleicht eine Lektion. Ihr wisst doch, dass sie manchmal Dinge tut, die wir nicht gleich verstehen." Und an Lima gewandt: "Was hast du geträumt, Lima, sag schon." Lima bekam diese wasserblauen großen Augen, die alle kannten, wenn Lima aus ihren Träumen berichtete. "Ich habe von den Griffels geträumt", sagte Lima leise, "das heißt nichts Gutes. Und von Stahlklingen." Arka zog die Stirn kraus. "Du denkst an Waffen?" Lima nickte. "Und wenn du an Waffen denkst, denkst du dann auch an Balto?" Und wieder nickte Lima. Stille! Nicht die Stille, die sie von Rebecca kannten - diese wohltuende, entspannte Begegnung mit der Ruhe. Jetzt konnte man in der Stille lautes Entsetzen hören, pochendes Blut in den Adern, schnelle Herzschläge, die an die Türe klopfen und Einlass fordern. "Balto?" flüsterte Eleven. "Und ich dachte, Balto sei tot." "Ist er ja auch", kreischte Nabu. "Ist er ja auch! Lima hat ja nur geträumt." Aber auch Nabu wusste, dass sie sich auf Limas Einsichten verlassen konnten. Zu oft hatten ihre Träume die Wahrheit gesagt. "Aber wenn Balto die Messer wetzt," flüsterte Arka, "dann heißt das auch, wir sind in Gefahr, in großer Gefahr. Wir wissen, was er von uns will. Wir dachten, wir wären in Sicherheit, weil Mathilla seinen Tod verkündet hat, als wir 14 Jahre alt waren. Mathilla hat an unserem Einweihungstag gesagt, wir seien nun sicher." Da meldete sich Zoe zu Wort, die wie immer zusammengekauert etwas außerhalb saß und pausenlos in ihr Buch schrieb. Sie las eine Stelle vor, die sie vor Jahren geschrieben hatte. An sich liebten die anderen ihre Zitate. Zoe holte die Gedanken zurück, die vergessen schienen. Zoe schrieb alles auf. "Und es kommt der Tag an dem ihr erfahrt dass das Ganze nur dann ganz ist, wenn Ihr ganz seid!" ...las sie sehr leise. Das Feuer zischte. Ein paar Regentropfen fielen. "Oje," sagte Pit, "was soll das nun wieder heißen. Diese Sprüche gehen mir gerade ziemlich auf die Nerven. Wir sind eben nur ganz, wenn Rebecca da ist, oder?" "Ich weiß nicht", sagte Pit. "Wir können ja nicht unser Leben lang davon ausgehen, dass wir immer alle zusammen bleiben." "Aber ohne Rebecca fühle ich es nicht", Eleven hielt ihre Hände ans Feuer. "Es ist, als wenn das Blut in den Adern gefriert. Ich spüre die Wärme nicht." Luna nahm sie in die Arme. "Ich wärme dich ein wenig, Eleven. Du hast uns schon so viel Wärme gegeben, wenn es kalt um uns war. Jetzt wärme ich dich." Eleven schmiegte sich an die Gefährtin. Aber alle wussten, dass eine kalte Zeit über sie hereinbrach. Die Zeit der Herausforderung, die Mathilla schon oft beschworen hatte und auf die sie alle von ihrer Meisterin fast sieben Jahre lang vorbereitet worden waren. "Mathilla hat gesagt", flüsterte Zoe und las: "Ihr werdet lernen, eure Fähigkeiten konzentriert und ganz zur richtigen Zeit einzusetzen. Jede von euch wird alles geben und nichts sein. Jede von euch wird nichts geben und alles sein. Eine von euch wird die Messer an Balto verraten und das Feuer löschen." 2. Kapitel LEALea war frei. Sie war es schon immer gewesen - seit sie denken konnte. Sie gehörte zu niemandem und war niemandem Rechenschaft schuldig. Sie war in einem Land aufgewachsen, an dessen Sprache sie sich kaum zu erinnern vermochte. Die Frauen sprachen aus dem Bauch. Ihre Münder wurden dabei groß wie Fischmäuler. Lea trug das Rollende, Breite dieser Sprache in ihrem Herzen, aber sie wusste nicht, ob sie das alte Russisch heute noch sprechen oder verstehen konnte. Lea war bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Ihre Eltern hatte sie nie gesehen. Sie waren tot, hatten ihr die Leute erzählt. Beide in einem schweren Winter an einer Krankheit gestorben. Lea war es egal. Sie hatte nie Sehnsucht verspürt. Sie war frei und das hieß auch: allein. Auch jetzt in Gantoff - wo sie Freundinnen gefunden hatte, war sie allein. Die Bewohner von Unter-Gantoff nannten die Sieben "Gleichgesinnte". Lea verstand dieses Wort nicht. Weder waren sie gleich, noch hatten sie Gleiches im Sinn. Im Gegenteil - jede hatte ihre Eigenart, weshalb sie in den Kreis aufgenommen worden war, und jede hatte ihren Eigensinn. Aber sie hatten eins gemeinsam: sich. Die Gefährtinnen, die Mathilla auf ihren langen Wanderschaften durch die Welten aufgesammelt und mitgebracht hatte. Lea war die letzte gewesen, die dem Ruf Mathillas gefolgt war. Sie war damals 10 Jahre alt, wie alle anderen Gefährtinnen auch. Lea hatte nichts zu verlieren gehabt. Alles, was sie besaß, trug sie bei sich. Sie war eh schon auf Wanderschaft; denn die Frauen ihres Heimatdorfes, die beim Sprechen Fischmäuler machten, hatten ihr gesagt, dass sie ohne ihre Großmutter nicht bleiben konnte. Großmutter war tot. Sie war sehr alt und gebrechlich und hatte Lea schon seit zwei Jahren auf ihren nahenden Tod vorbereitet. Sie wäre gerne vier Jahre später gestorben, sagte sie in ihrer letzten gemeinsamen Nacht, weil Lea dann 14 Jahre alt gewesen wäre und dann ihr eigenes Leben leben konnte. Nun würden die Frauen sie verjagen von ihrem kleinen Hof, auf dem sie nur so lange hatte leben dürfen, wie sie lebte. So hatte es vor Ewigkeiten der Dorfoberste aus törichter Liebe zur Großmutter angeordnet. Dagegen konnte niemand etwas sagen. Er hatte ja nicht wissen können, dass die Enkelin Lea zur Großmutter kommen würde nach dem Tod ihrer Eltern, um hier zu leben. Längst war er gestorben, und die Frauen mit den Fischmäulern schlichen um den Zaun und warteten auf den Tod der Großmutter, damit sie den kleinen, aber fruchtbaren Garten nutzen konnten, der bald dem jetzigen Dorfobersten gehören sollte. Seine Frau hatte schon alle Vorkehrungen getroffen, den Hof an sich zu reißen. Und die anderen Frauen erhofften sich ein großes Stück von dem Kuchen. Großmutter hatte niemanden gefunden, der Lea aufnehmen wollte. Lea war ein kräftiges, gesundes Kind, das zu vielerlei Arbeiten zu Nutzen gewesen wäre. Aber Lea war auch ein wildes Kind, vor dem die anderen Angst hatten. Sie war nicht schnell einzuschüchtern, sagte jedem ein klares Wort, und sie hatte silberne Augen. Nicht immer - aber wenn Heimlichtuerei, Betrug oder Lügen im Spiel waren, brach aus ihren Augen ein eisiges, silbernes Blitzen hervor, und jedermann spürte ein Unwohlsein. Lea war sich dieser Gabe lange nicht bewusst, und später hasste sie es, weil sie es nicht kontrollieren konnte und ihr Feinde brachte. Niemand wollte mit ihr spielen, niemand in der Schule neben ihr sitzen. Sie hatten Angst vor ihr. Und Lea bekam eine Wut auf sie. Ihre Großmutter wusste von alledem nichts; denn in ihrer Gegenwart blitzte es nie in Leas Augen. Aber nun war Großmutter tot, gestorben in einer langen, traurigen Nacht. Sie sprach zu Lea ununterbrochen, hielt ihr die Hand und gab ihr Kraft für die nächste Zeit. Und ihr Erbe. "Einen Beutel", flüsterte die Großmutter, "den du erst dann öffnest, wenn es für dich nicht mehr weitergeht." Als
Großmutter für immer die Augen schloss, war Lea versucht, sofort den
Beutel zu öffnen. Lea fühlte einen wilden Schmerz, der sich fest in
ihr einschloss und erst wieder aus ihr herausbrach, als sie Jahre später
auf dem Hügel stand und Rebeccas Verschwinden beschrie. |
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Anke Kuckuck |
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